Geobranding nennt sich das, was die Firma GEOXIP aus Vierkirchen bei München seit einigen Jahren auf deutsche Felder bringt: riesige Firmenlogos und Schriftzüge, gesät aus Millionen von Blüh- und Wildpflanzen.
Kunden wie Lufthansa, adidas, die Telekom oder Erdinger Weißbräu haben sich damit schon in die Landschaft säen lassen – jetzt auch pro aurum. Mit GEOXIP-Vorstand Christian Seebauer (58), der aus Vierkirchen stammt und heute nahe München arbeitet, führten wir ein Interview. Der „waschechte Bayer“ ist von seiner Geschäftsidee nach wie vor hellauf begeistert und seine Begeisterung ist dabei ausgesprochen ansteckend.
Herr Seebauer, was genau ist Geobranding und wie kamen Sie auf die Idee, Werbebotschaften direkt auf landwirtschaftlichen Feldern wachsen zu lassen?
Christian Seebauer: Den Begriff Geobranding haben wir maßgeblich geprägt: riesengroße Botschaften mitten in der Natur – und das Ganze im Einklang mit ihr. Wir pflanzen sozusagen echte Werbebotschaften. Die Idee dazu kam mir vor vielen Jahren bei meiner Diplomarbeit über den GPS-Einsatz in der modernen Landwirtschaft. Damals kannte GPS kaum jemand, aber für mich war völlig klar: Damit lässt sich etwas anfangen. Und diese Idee hat mich mein ganzes Leben nicht mehr losgelassen.
Man kann mit dieser Technik in der Natur regelrechte Kunstwerke schaffen – und seit einigen Jahren war klar: Die Technik ist reif dafür. Also haben wir gesagt: Lasst uns ein Start-up gründen.
… und wie passt das zu einem Edelmetallhändler?
Ich finde, das passt perfekt zusammen. Natur, Kunst und Edelmetalle – das ist wie Gold: Alle drei haben einen bleibenden Wert und faszinieren die Menschen seit jeher. Schon die alten Hochkulturen kannten das. Lange vor den Inka gab es die berühmten Nazca-Linien, riesige Bodenzeichnungen in der Wüste, die man noch heute erkennt, nach Hunderten von Jahren. Sie begeistern Menschen bis heute – genau wie die sagenumwobenen Goldschätze und Schmuckstücke jener Kulturen. Ackerbau, Natur, Kunst und Edelmetalle – diese vier Dinge begleiten die Menschheit seit Jahrtausenden.
Wann war Ihre erste Werbebotschaft auf dem Acker?
Das war 2021 am Münchner Flughafen. Unser erster Auftrag zeigte Audi und einen riesigen Schriftzug anlässlich der Internationalen Automobil-Ausstellung IAA.
Wie funktioniert die Präzisionsaussaat technisch – wie schaffen Sie es, dass aus Millionen einzelner Pflanzen am Ende ein exaktes Firmenlogo entsteht?
Was uns vom klassischen Ackerbau unterscheidet: Wir denken in Farben, und wir arbeiten dreidimensional. Man kann sich das Ganze wie einen riesigen Tintenstrahldrucker in Form einer Landmaschine vorstellen. Jedes Farbpigment ist im Prinzip das Samenkorn einer bestimmten Blume, die eine Farbe abbildet – und diese landet zentimetergenau am richtigen Fleck. Beim Logo von pro aurum erreichen wir eine Genauigkeit von 1,7 Zentimetern.
Die Dreidimensionalität entsteht, weil jedes Samenkorn in seine jeweils richtige Tiefe muss. Das kennt der klassische Ackerbau so nicht – dort wird eine Sorte ausgesät und damit hat es sich. Wir arbeiten dagegen mit vielen verschiedenen Blumen, die alle exakt in die richtige Tiefe müssen. Dazu kommen im gleichen Arbeitsgang noch zahlreiche heimische Blühpflanzen als Lichtkeimer obendrauf.
Braucht es dafür Spezialmaschinen oder geht das mit normaler Landtechnik?
Wir haben eigene Software und eigene Hardware-Endstücke entwickelt, die aber mit Standardmaschinen zusammenarbeiten. Diese Kombination kann dann Dinge, die in der normalen Landwirtschaft nicht erforderlich sind. Über unsere geschützten Saatverfahren wie z. B. „Vector-Seed“ setzen wir hochpräzise Blühlogos um.
Ein Geobranding verändert sich über die Jahreszeiten – von der Blüte im Sommer bis zum Muster im Winter. Wie „lebt“ so eine Werbefläche und wie lange bleibt sie sichtbar?
Das ist von der ersten Sekunde an spannend, denn wir malen quasi mit unsichtbarer Tinte. Der erste große Moment ist immer der erste Regen: Wenn schließlich wie aus dem Nichts ein natürliches Kunstwerk auftaucht, sehen wir, ob alles am richtigen Fleck sitzt. Danach entscheiden Wettergott, Regen und Sonne, wie sich das Bild von Tag zu Tag verändert. Zunächst ist alles grün, aber man erkennt schon Strukturen durch unterschiedliches Blattwerk und Grüntöne. Das wächst dann von der zarten kleinen Pflanze bis zu – wenn wir die Telekom als Beispiel nehmen – Blühwänden aus Sonnenblumen.
Besonders spannend: Eine Farbe wie Rot bilden wir oft nicht mit einer einzigen Blumensaat ab, sondern mit mehreren Arten, die unterschiedliche Blühkurven haben. Die eine Art fängt an zu blühen, verblüht langsam, dann übernimmt die nächste – wie ein choreografiertes Feuerwerk. Für pro aurum haben wir ein völlig neues Konzept entwickelt, was Kontraste, Textur und Blüten angeht: weniger Blühintensität, dafür eine Zwischenfrucht, die zur normalen Fruchtfolge des Landwirts passt. Wir zerstören nichts. Das Motiv wird bis in den Winter zu sehen sein – ob die Sonnenblumen am Ende spektakulär blühen, wissen wir zwar nicht, aber sichtbar sind sie so oder so, selbst wenn sie längst verwelkt sind.
Wo und wie wird ein Geobranding überwiegend wahrgenommen – erkennen auch ganz normale Spaziergänger das Logo?
Von unten kann man das pro aurum-Kunstwerk erahnen, komplett sehen kann man es aber nicht, denn dafür sprengt es alle Dimensionen. Allein die Umrisse der Buchstaben kommen auf 3,2 Kilometer. Aus dem Flugzeug sieht man es dagegen fantastisch und außerdem begleiten wir das Projekt mit Drohnenaufnahmen. Es wird auch in Satellitenbildern auftauchen, vielleicht sogar bei Google Maps, Google Earth oder Apple Karten. Wir nennen diesen Effekt intern scherzhaft „Map Hijacking“. Etliche unserer früheren Geobrandings, etwa von der VR Bank, Erdinger Weißbräu oder der Telekom, waren dort noch jahrelang zu sehen, obwohl sie schon längst nicht mehr existierten – das ist immer wieder witzig. Autofahrer, die ihr Navi in der Satellitenansicht nutzen, sehen dann Logos, die es gar nicht mehr gibt.
Sie nennen Ihr Konzept eine „Win-win-win-Situation“ für Unternehmen, Landwirtschaft und Natur. Können Sie das an einem konkreten Beispiel festmachen?
Der größte Gewinner ist die Natur – vor allem mit Blick auf Artenvielfalt und Biotopvernetzung. Wir kommen mit unseren Logos teilweise auf über 120 verschiedene heimische Arten. Ein klassischer Blühstreifen schafft im Vergleich höchstens 30. Der Landwirt profitiert finanziell und gewinnt zusätzliche Planungssicherheit, kann oft sogar aufs Spritzen verzichten. Und weil viele Blühflächen im Frühjahr gemulcht werden, verbessert sich zusätzlich die Bodenqualität. Für die Landwirte ist das ein echter Gewinn, viele kommen immer wieder und fragen uns: Was gibt’s als Nächstes?
Und dann ist da noch der Werbetreibende: Bei der Reichweite können wir durchaus mit anderen Werbeformen mithalten, aber der eigentliche Gewinn liegt darin, dass diese Form der Werbung nachhaltig ist und die Menschen begeistert. Ein normales Plakat würde man kaum fotografieren und auf Social Media posten. Unsere Feldkunst dagegen fotografieren die Menschen, sie reden darüber. So erreichen Firmen ihr Publikum auch emotional.
GEOXIP hat bereits für Marken wie Lufthansa, adidas oder die Deutsche Telekom Geobrandings realisiert und in diesem Jahr beim Bayerischen Gründerpreis in der Kategorie „Aufsteiger“ Platz 3 belegt. Was hat sich seit der Gründung am meisten verändert?
Eine Auszeichnung zu bekommen, ist natürlich toll. Ich bin vor fünf Jahren mit einer Vision gestartet, hatte aber absolut nichts zum Vorzeigen – nur den Glauben daran. Der eine oder andere, auch aus großen Unternehmen, hat damals gesagt: „Super Idee, gefällt mir sehr gut, aber kommt wieder, wenn ihr etwas vorzuweisen habt.“ Heute ist das natürlich einfacher, weil es viel zu zeigen gibt. Wir haben mittlerweile enormes Know-how aufgebaut und auch die Felder und Partner dazu. Was sich nicht geändert hat: unsere Begeisterung für die Natur als große Bühne.
Was war die Motivation, mit pro aurum einen Edelmetallhändler für ein Geobranding zu gewinnen, und was unterscheidet dieses Projekt von früheren Kampagnen?
Grundsätzlich ist jedes Geobranding, das wir bislang gemacht haben, einzigartig – das haben Kunst und Natur einfach so an sich. Auch das, was wir jetzt mit pro aurum umsetzen, wird wieder einzigartig sein. Mit dem Konzept, eine Zwischenfrucht als Trägerfläche zu nutzen, betreten wir technisch gesehen Neuland – das gab es in dieser Form noch nicht. Das ist spannend, erfordert aber auch von pro aurum ein bisschen Mut, die Natur bis in den Winter hinein zu begleiten.
Wohin geht die Reise von GEOXIP – wie sehen Ihre Pläne konkret aus?
Wir sind tief mit Bayern verwurzelt, aber Blühlogos sind grundsätzlich überall möglich. Vielleicht sogar in der Wüste, wo es hin und wieder ebenfalls regnet, wenn auch manchmal erst nach Jahren. Auch das wäre sicher ein Spektakel. Grundsätzlich wollen wir unser Geschäft skalieren, überregional wachsen, nicht nur in Deutschland: Erste Projekte gab es bereits in Österreich sowie der Schweiz und wir waren auch in Norditalien und Frankreich unterwegs. Technisch ist schon vieles machbar und wir wollen dieses Geschäftsfeld besetzen – und letztlich vor allem eines: mit großer Leidenschaft und Begeisterung weiterwachsen und etwas wirklich Sinnvolles tun.








