In seinem aktuellen Gespräch analysiert Robert Halver die weltwirtschaftlichen Brennpunkte – vom US-chinesischen Handelsstreit über Inflation und Energiepreise bis zu den Chancen einer Jahresendrally. Zudem erklärt er, warum Gold für ihn das neue Staatspapier ist.
Herr Halver, der Handelsstreit zwischen China und den USA ist wieder aufgeflammt. Die Aktienmärkte standen kurzzeitig unter Druck. Was ist aus Ihrer Sicht jetzt wahrscheinlicher: eine längerfristige Korrektur oder doch eine Jahresendrally?
Robert Halver: Ich rechne eher mit einer Jahresendrallye. Korrekturen zwischendurch sind völlig normal – das gehört einfach dazu. Einen wirklich massiven Handelsstreit können sich aber weder die USA noch China leisten, weil beide Seiten eng voneinander abhängig sind: Die einen wollen in die USA exportieren, die anderen benötigen seltene Erden aus China für ihre Hightech-Industrie.
Deshalb ist es zwar typisch für Donald Trump, laut aufzutreten und verbal zu eskalieren, doch entscheidend ist, was operativ tatsächlich geschieht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er die eigene Wirtschaft ernsthaft unter Druck setzt. Eine rhetorische Eskalation ist eben keine reale. Am Ende wird Trump die Interessen seines Landes im Blick behalten – und das spricht gegen einen großen Handelskrieg. Eine gewisse Konsolidierung zwischendurch ist also denkbar, aber insgesamt überwiegt für mich klar das Szenario einer Jahresendrallye.
Präsident Trump feierte Anfang vergangener Woche in Jerusalem seinen bisher größten Triumph: das vorläufige Ende des Gaza-Kriegs und die Freilassung aller Geiseln. Wurde dieser Präsident in seinen Fähigkeiten und seinem taktischen Vorgehen unterschätzt?
Ja, ohne Frage – man hat Donald Trump unterschätzt. In Europa herrscht oft ein gewisser Anti-Trump-Reflex, dabei muss man anerkennen, dass er außenpolitisch immer wieder Ergebnisse liefert. Natürlich ist der Konflikt im Nahen Osten noch längst nicht gelöst – erst am vergangenen Wochenende meldete Israel wieder Luftangriffe im Gazastreifen –, doch das vorläufige Ende der Kampfhandlungen und die Freilassung der Geiseln sind beachtliche diplomatische Erfolge.
Trump versteht es offensichtlich, mit Druck, Instinkt und unkonventionellen Methoden Bewegung in festgefahrene Situationen zu bringen. Viele hielten ihn für einen Kriegstreiber – tatsächlich hat er mehrfach das Gegenteil bewiesen. Unabhängig davon, ob man ihn mag oder nicht: In diesem Fall hat er taktisches Geschick und Führungsstärke gezeigt.
In Frankreich wurde der zurückgetretene Premierminister kurzerhand erneut eingesetzt. Das Ziel des „neuen“ Kabinetts ist zunächst, die unmittelbare Krise mit einem verabschiedeten Haushalt zu überstehen – ein Ausweg aus der Schuldenproblematik ist nicht erkennbar. Wie gefährlich ist die Frankreich-Krise für Europa und die Märkte?
Frankreich steckt weiterhin in einer Schuldenkrise – und zusätzlich in einer politischen. Dennoch sehe ich kein Überschwappen auf Europa im Sinne einer neuen Euro- oder Finanzkrise. Dafür steht „Mutter Natur EZB“ bereit: Sie wird im Zweifel eingreifen und das Schlimmste verhindern, notfalls auch wieder mit Anleihekäufen.
Ein Blick nach Griechenland zeigt, dass sich Krisenländer durchaus verändern können. Die Griechen mussten damals bittere Erfahrungen machen, aber sie haben daraus gelernt, Reformen umgesetzt und ihre alten sozialistischen Vorturner abgewählt. Heute wird dort sogar sechs Tage pro Woche gearbeitet – ein Symbol für Leistungsbereitschaft.
Diesen Geist wünsche ich mir auch für Frankreich, aber ebenso für Deutschland. Denn wenn wir weiter auf staatliche Fürsorge, Bequemlichkeit und Subventionen setzen, statt auf Reformen und Eigeninitiative, dann sind wir in zehn Jahren „Frankreich 2.0“. Mit Müßiggang hat man noch nie wirtschaftliche Probleme gelöst.
Die Inflation zeigt sich hartnäckiger als gedacht. In Deutschland lagen die Verbraucherpreise im September laut erster Schätzung bei 2,4 Prozent, in den USA rechnet man ebenfalls mit steigenden Raten. Welche Konsequenzen hat das für die Geldpolitik dies- und jenseits des Atlantiks?
Die Inflation ist gekommen, um zu bleiben. Nach einer sehr orthodoxen Lesart der Stabilitätspolitik müssten die Notenbanken eigentlich konsequent bleiben und strikt auf Preisstabilität achten. Doch das tun sie nicht, weil für sie inzwischen Konjunktur- und Finanzstabilität wichtiger sind als Preisstabilität.
In den USA wird man daher bis 2027 mit weiteren Zinssenkungen rechnen müssen – unabhängig davon, ob die Inflation leicht steigt oder fällt. Und eines darf man nicht vergessen: Eine gewisse Inflation ist politisch durchaus willkommen, vor allem aus Sicht der Finanzminister. Denn Inflation frisst Staatsverschuldung auf – insbesondere dann, wenn sie oberhalb des Zinsniveaus liegt.
Der Goldpreis hat jüngst erstmals die Marke von 4.000 US-Dollar überschritten. Was trauen Sie dem Edelmetall in diesem Umfeld noch zu?
Langfristig bin ich sehr zuversichtlich: Gold wird mittel- bis langfristig weiter steigen. Natürlich gibt es immer wieder Schwankungen – etwa wenn sich eine Krise, wie aktuell der Handelsstreit, wieder verbal entschärft. Dann kann der Goldpreis kurzfristig auch einmal nachgeben, weil die Nachfrage nach Sicherheit vorübergehend abnimmt.
Aber machen wir uns nichts vor: Die weltweite Verschuldung steigt weiter kräftig an. Staatsanleihen bringen nach Abzug der Inflation kaum noch reale Rendite.
Deshalb gilt heute mehr denn je: Gold ist das neue Staatspapier – der wahre sichere Hafen. Früher flossen die internationalen Reserven in Staatsanleihen, heute übernimmt Gold diese Rolle. Gemeinsam mit Aktien steht es für das, was ich das sachkapitalistische Zeitalter nenne – und das hat spätestens jetzt begonnen.
Auch Silber hat in diesem Jahr deutlich zugelegt. Welche Treiber sehen Sie hier?
Bei Silber kann man sagen: Rund 60 Prozent der Produktion gehen in die Industrie. Und man darf nicht vergessen – früher hieß es immer, Silber sei volatiler als Gold. Das stimmt zwar grundsätzlich, aber in diesem Jahr hat Silber besser abgeschnitten. Der Grund: Die Chinesen haben erkannt, dass Silber ein klassischer Rohstoff für Zukunftstechnologien ist – und sie bunkern, bunkern, bunkern. Sie wollen auch bei Silber nicht abhängig sein von westlichen Märkten.
Das ist ein wesentlicher Treiber für den Aufwärtstrend. Hinzu kommt die wachsende industrielle Nachfrage, etwa aus der Medizintechnik oder aus Hochtechnologie-Bereichen. Und: Silber wird in der Produktion oft zerstört und lässt sich wirtschaftlich kaum recyceln. Auch das spricht langfristig für steigende Preise.
Die Ölpreise haben zuletzt spürbar nachgegeben – und das trotz zahlreicher geopolitischer Risiken. Etwas widersprüchlich, oder?
Der Rückgang der Ölpreise hat vor allem politische Gründe. Die USA haben sich mit Saudi-Arabien arrangiert: Washington unterstützt Riad geopolitisch und beim Aufbau seiner Infrastruktur, während die Saudis im Gegenzug bereit sind, mehr Öl zu fördern, um die Preise niedrig zu halten. Für sie ist das auch Teil einer langfristigen Strategie – sie wissen, dass die Welt sich schrittweise vom Öl entfernt und nutzen die aktuelle Phase, um ihre Einnahmen zu sichern und ihren geopolitischen Einfluss auszubauen.
Früher stiegen die Ölpreise sofort, wenn irgendwo im Nahen Osten eine Krise ausbrach. Heute ist das anders: Die politische Koordination – insbesondere durch die USA unter Donald Trump – sorgt für Stabilität und ein höheres Fördervolumen. Wenn die Saudis mehr produzieren, ziehen andere ölproduzierende Länder nach, um ihre Staatshaushalte zu finanzieren. So entsteht ein Angebotsüberhang, der die Preise trotz geopolitischer Spannungen drückt.
Deutschland bleibt laut aktueller IWF-Prognose das Schlusslicht unter den G7-Staaten. Was müsste passieren, damit die deutsche Wirtschaft wieder Tritt fasst?
Ich bin da nur verhalten optimistisch. Andere Länder – wir haben über Griechenland gesprochen – machen ihre Hausaufgaben. Sie reformieren ihre Wirtschaft konsequent. Wir hingegen definieren unsere Probleme einfach um. Das Bürgergeld heißt demnächst Grundsicherung – aber geändert hat sich dadurch nicht viel. Das erinnert mich ein wenig an den Keksriegel „Raider“, der in „Twix“ umbenannt wurde: Neuer Name, gleicher Inhalt.
Solange wir nicht bereit sind, echte Strukturreformen anzupacken, bleibt alles Kosmetik. Was zuletzt angekündigt wurde, ist bestenfalls ein Anfang, aber kein großer Wurf. Es sollte selbstverständlich sein, dass Leistung belohnt wird – und dass man ohne Gegenleistung auch keinen Anspruch auf Leistungen des Staates erheben kann. Wenn wir unsere klassischen deutschen Wirtschaftstugenden nicht wiederbeleben, geht der Abschwung weiter. Kapital und gut ausgebildete Menschen werden das Land verlassen.
Bildquelle: Robert Halver









