Eine Bank kann über erhebliche Vermögenswerte verfügen und trotzdem in Schwierigkeiten geraten. Kritisch wird es, wenn plötzlich sehr viele Kunden gleichzeitig ihr Geld zurückfordern und kurzfristig nicht genügend liquide Mittel verfügbar sind. Aus einem solchen Engpass kann im Extremfall eine Krise entstehen, die weit über ein einzelnes Institut hinausreicht. Für Anleger lohnt es sich deshalb zu verstehen, wie Liquiditätskrisen entstehen, warum sie sich selbst verstärken können und welche Rolle Banken, Terminmärkte und Zentralbanken dabei spielen.
Liquidität und Solvenz: Zwei unterschiedliche Risiken
Wer eine Finanzkrise verstehen möchte, muss zunächst zwischen Liquidität und Solvenz unterscheiden. Liquidität bezeichnet die Fähigkeit, fällige Zahlungen rechtzeitig leisten zu können. Solvenz bedeutet dagegen vereinfacht, dass ein Schuldner grundsätzlich über genügend Vermögenswerte verfügt, um seine Verpflichtungen zu erfüllen.
Ein Unternehmen kann daher grundsätzlich solvent sein und trotzdem kurzfristig in Liquiditätsnot geraten. Das kann beispielsweise passieren, wenn erhebliche Vermögenswerte vorhanden sind, diese aber nicht schnell genug zu einem angemessenen Preis verkauft werden können. Umgekehrt können ausreichend vorhandene liquide Mittel ein grundlegendes Solvenzproblem für einige Zeit verdecken.
Für Banken ist Liquidität von besonderer Bedeutung. Sie nehmen unter anderem Einlagen entgegen, über die Kunden teilweise jederzeit verfügen können, und vergeben gleichzeitig Kredite mit langen Laufzeiten oder investieren in länger laufende Wertpapiere. Diese sogenannte Fristentransformation gehört zu den zentralen Funktionen des Bankensystems. Sie führt aber dazu, dass nicht sämtliche Kundeneinlagen jederzeit als Bargeld oder unmittelbar verfügbare Zentralbankguthaben bereitstehen.
Normalerweise ist das unproblematisch, weil nicht alle Kunden gleichzeitig ihr Geld benötigen. Ändert sich jedoch das Vertrauen in eine Bank, kann daraus ein gefährlicher Mechanismus entstehen.
Bank Run und Notverkäufe: Wie sich Liquiditätsprobleme verstärken
Wenn viele Kunden befürchten, dass eine Bank in Schwierigkeiten geraten könnte, versuchen sie möglicherweise, ihre Guthaben schnell abzuziehen. Dadurch sinken die verfügbaren Mittel der Bank. Nehmen die Abflüsse weiter zu, muss sie möglicherweise zusätzliche Liquidität beschaffen.
Im Extremfall entsteht ein Bank Run. Die Angst vor einer Krise trägt dann selbst dazu bei, die Situation zu verschärfen. Im digitalen Zeitalter kann dies wesentlich schneller geschehen als früher. Bankguthaben lassen sich innerhalb kürzester Zeit elektronisch transferieren, während sich Meldungen und Gerüchte über soziale Medien nahezu unmittelbar verbreiten.
Besonders problematisch kann eine solche Situation werden, wenn die Bank zur Liquiditätsbeschaffung Wertpapiere verkaufen muss. Ein Beispiel sind langlaufende Anleihen. Steigen die Marktzinsen deutlich, fallen in der Regel deren Kurse. Solange die Papiere bis zur Fälligkeit gehalten werden können und der Schuldner seinen Verpflichtungen nachkommt, müssen zwischenzeitliche Kursverluste nicht zwangsläufig realisiert werden. Benötigt die Bank jedoch kurzfristig Geld und muss die Anleihen verkaufen, werden aus Buchverlusten tatsächliche Verluste.
Damit kann eine Abwärtsspirale beginnen. Je größer die Mittelabflüsse, desto mehr Vermögenswerte müssen möglicherweise verkauft werden. Fallen dadurch die Marktpreise, geraten weitere Marktteilnehmer unter Druck. Solche Notverkäufe gehören zu den wichtigsten Mechanismen, über die sich Liquiditätsprobleme auf andere Bereiche des Finanzsystems übertragen können.
Systemisches Risiko: Wenn aus einem Problem eine Finanzkrise wird
Von einem systemischen Risiko spricht man, wenn Schwierigkeiten einzelner Marktteilnehmer die Funktionsfähigkeit größerer Teile des Finanzsystems gefährden können. Banken, Versicherungen, Fonds und andere Finanzakteure agieren schließlich nicht unabhängig voneinander. Sie sind über Kredite, Wertpapiere, Derivate, Sicherheiten und den Zahlungsverkehr miteinander verbunden.
Dabei muss nicht einmal eine direkte finanzielle Verbindung bestehen. Auch Vertrauen spielt eine zentrale Rolle. Gerät beispielsweise eine Bank mit einem bestimmten Geschäftsmodell in Schwierigkeiten, können Anleger und Einleger Institute mit ähnlichen Merkmalen ebenfalls kritischer betrachten. Geld wird abgezogen, obwohl diese Banken zunächst möglicherweise gar keine akuten Probleme haben.
Ein zweiter Übertragungskanal sind gemeinsame Vermögenswerte. Muss ein großer Investor erhebliche Mengen von Aktien oder Anleihen verkaufen, können deren Kurse fallen. Andere Investoren verzeichnen dadurch ebenfalls Verluste. Besonders problematisch wird dies, wenn Wertpapiere als Kreditsicherheiten dienen. Sinkt ihr Wert, können Kreditgeber zusätzliche Sicherheiten verlangen. Damit kommt ein weiterer Krisenverstärker ins Spiel: die Verschuldung.
Fremdkapital und Terminmärkte als Krisenverstärker
Fremdkapital kann Gewinne erhöhen, verstärkt aber auch Verluste. Wer beispielsweise 100 Euro eigenes Kapital und zusätzlich 400 Euro geliehenes Geld investiert, kontrolliert ein Investment von 500 Euro. Ein relativ kleiner prozentualer Wertverlust des Gesamtinvestments kann dadurch einen erheblichen Teil des Eigenkapitals aufzehren.
Diese Hebelwirkung spielt nicht nur bei klassischen Krediten eine Rolle. Von enormer Bedeutung sind die Terminmärkte, an denen unter anderem Futures und Optionen gehandelt werden. Dort müssen Marktteilnehmer häufig nur einen Bruchteil des Wertes einer Position als Sicherheit hinterlegen. Dadurch können mit vergleichsweise wenig Kapital große Positionen bewegt werden.
Genau das kann in turbulenten Marktphasen zum Problem werden. Entwickelt sich der Markt gegen eine gehebelte Position, kann der Broker oder die Clearingstelle zusätzliche Sicherheiten verlangen. Solche Nachschussforderungen werden als Margin Calls bezeichnet.
Der betroffene Investor benötigt dann kurzfristig Liquidität. Kann er kein zusätzliches Geld bereitstellen, muss er möglicherweise Positionen schließen oder andere Vermögenswerte verkaufen. Das kann selbst Anlagen betreffen, die mit dem ursprünglichen Problem überhaupt nichts zu tun haben.
Dieser Mechanismus erklärt, weshalb in schweren Liquiditätskrisen zeitweise fast alle liquiden Anlageklassen unter Verkaufsdruck geraten können. Anleger verkaufen dann nicht unbedingt das, was sie verkaufen möchten, sondern häufig das, was sie schnell verkaufen können. Fallen dadurch die Kurse weiter, können zusätzliche Margin Calls ausgelöst werden. Neue Notverkäufe verstärken anschließend den Abwärtsdruck.
Terminmärkte können somit einen wichtigen Übertragungskanal zwischen verschiedenen Märkten darstellen. Das betrifft Aktien und Anleihen ebenso wie Rohstoffe, Währungen oder Edelmetalle.
Was die Finanzkrisen von 2008 und 2023 zeigen
Wie aus einzelnen Problemen eine systemische Krise entstehen kann, zeigte die globale Finanzkrise 2008. Ausgangspunkt waren unter anderem Probleme am US-Immobilienmarkt. Hypothekenkredite waren in komplexen Wertpapieren gebündelt und weltweit an Investoren verkauft worden. Als die Immobilienpreise fielen und Kreditausfälle zunahmen, entstanden erhebliche Verluste.
Verschärft wurde die Situation durch hohe Verschuldung, komplexe Finanzprodukte und die starke Vernetzung der Marktteilnehmer. Nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 nahm das Misstrauen dramatisch zu. Banken wurden zurückhaltender, einander Geld zu leihen. Aus Problemen einzelner Marktsegmente entwickelte sich eine internationale Finanz- und Wirtschaftskrise.
Einen anderen Mechanismus demonstrierte die US-Regionalbankenkrise im Frühjahr 2023. Die Silicon Valley Bank hatte einen erheblichen Teil ihrer Mittel in länger laufende Wertpapiere investiert. Durch die kräftigen Zinserhöhungen der US-Notenbank waren deren Marktwerte gesunken. Als viele Kunden innerhalb kurzer Zeit Einlagen abzogen, musste die Bank Liquidität beschaffen und Verluste offenlegen. Das verstärkte den Vertrauensverlust und beschleunigte die Abflüsse.
Die beiden Beispiele unterscheiden sich erheblich. Gemeinsam ist ihnen jedoch eine wichtige Erkenntnis: Verluste einzelner Vermögenswerte allein müssen noch keine Systemkrise auslösen. Gefährlich wird die Situation vor allem, wenn Verluste mit hohem Liquiditätsbedarf, Verschuldung und schwindendem Vertrauen zusammentreffen.
Zentralbanken und Einlagensicherung als Sicherheitsnetze
Um solche Kettenreaktionen einzudämmen, verfügt das Finanzsystem über verschiedene Sicherheitsmechanismen. Eine wichtige Rolle spielen Zentralbanken. Sie können Banken gegen geeignete Sicherheiten Liquidität zur Verfügung stellen und damit verhindern, dass ein grundsätzlich tragfähiges Institut allein wegen eines kurzfristigen Liquiditätsengpasses zahlungsunfähig wird.
Diese Funktion wird häufig mit dem Begriff „Lender of Last Resort“, also Kreditgeber letzter Instanz, beschrieben. Entscheidend ist jedoch erneut die Unterscheidung zwischen Liquidität und Solvenz. Zusätzliches Zentralbankgeld kann einen vorübergehenden Liquiditätsengpass überbrücken. Ist ein Institut wirtschaftlich grundsätzlich nicht mehr lebensfähig, lässt sich dieses Problem durch Liquidität allein nicht dauerhaft lösen.
Hinzu kommen regulatorische Anforderungen an Eigenkapital und Liquiditätsreserven der Banken. Sie sollen dafür sorgen, dass Institute Verluste besser verkraften und auch in Stressphasen über ausreichend liquide Mittel verfügen.
Für Bankkunden ist zudem die Einlagensicherung relevant. Innerhalb der Europäischen Union sind gedeckte Bankeinlagen grundsätzlich bis zu 100.000 Euro je Einleger und Bank geschützt. Sie soll nicht nur Sparer vor Verlusten bewahren, sondern trägt zugleich zur Stabilisierung des Finanzsystems bei: Vertrauen Einleger darauf, dass ihre Guthaben geschützt sind, sinkt der Anreiz, bei ersten Krisengerüchten sofort Geld abzuziehen.
Was Liquiditätskrisen für Anleger und Gold bedeuten
An den Kapitalmärkten verlaufen Liquiditätskrisen häufig in mehreren Phasen. Zu Beginn kann vor allem der Wunsch dominieren, möglichst schnell Bargeld beziehungsweise unmittelbar verfügbare Mittel zu beschaffen. Aktien, Anleihen und andere handelbare Anlagen werden verkauft. Hohe Fremdfinanzierung und Nachschussforderungen an den Terminmärkten können diesen Prozess beschleunigen.
Das erklärt, weshalb selbst Anlagen unter Druck geraten können, die Anleger normalerweise als defensiv oder als Absicherung betrachten. Dazu kann auch Gold gehören. Benötigen institutionelle Investoren dringend Liquidität, können sie Gold verkaufen, um Verluste an anderen Märkten auszugleichen oder Margin Calls zu erfüllen.
Aus kurzfristigen Kursreaktionen lässt sich deshalb nicht automatisch ableiten, wie eine Anlage während der gesamten Krise reagieren wird. Nach der akuten Liquiditätsphase können andere Faktoren an Bedeutung gewinnen. Dazu gehören beispielsweise die Reaktion der Zentralbanken, die Entwicklung von Zinsen und Realzinsen sowie das Vertrauen in Banken, Währungen und das Finanzsystem.
Für Privatanleger steckt darin eine wichtige Erkenntnis: Liquidität besitzt selbst einen Wert. Wer für kurzfristige Ausgaben ausreichend liquide Reserven hält, reduziert das Risiko, langfristige Anlagen ausgerechnet während eines Börseneinbruchs verkaufen zu müssen.
Auch Diversifikation gewinnt in solchen Situationen an Bedeutung. Vermögen auf verschiedene Anlageklassen zu verteilen, beseitigt Verlustrisiken zwar nicht. Es reduziert jedoch die Abhängigkeit von einzelnen Unternehmen, Banken, Schuldnern oder Märkten. Ebenso sollten Privatanleger mit Fremdfinanzierung vorsichtig umgehen, weil ein hoher Hebel die Gefahr erhöht, in ungünstigen Marktphasen zu Verkäufen gezwungen zu werden.
Fazit: Die wichtigste Lehre aus früheren Finanzkrisen besteht daher nicht darin, den nächsten Bank Run oder Börsencrash vorherzusagen. Entscheidend ist vielmehr, die Mechanismen zu verstehen, durch die aus einzelnen Verlusten eine systemische Krise entstehen kann. Besonders gefährlich wird es, wenn Verschuldung, hoher Liquiditätsbedarf, Notverkäufe, Terminmarktpositionen, enge Vernetzung und schwindendes Vertrauen gleichzeitig zusammenwirken. Wer diese Zusammenhänge kennt und sein Vermögen entsprechend robust strukturiert, ist weniger darauf angewiesen, in turbulenten Marktphasen unter Zeitdruck Entscheidungen treffen zu müssen.
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