Dirk Müller, bekannt als „Mister DAX“, ist einer der prominentesten Börsenexperten Deutschlands. Im Interview mit pro aurum spricht er über die aktuellen Chancen und Risiken an den Aktienmärkten, die anhaltende Inflation und den beeindruckenden Anstieg des Goldpreises. Seine Einschätzungen bieten wertvolle Einblicke in die komplexe Welt der Finanzmärkte.
Herr Müller, die Hoffnung auf Zinssenkungen lässt den DAX derzeit von Rekordstand zu Rekordstand klettern. Welche Chancen und welche Risiken machen Sie für die zweite Jahreshälfte an den Aktienmärkten aus?
Wir haben gesehen, dass die Aktienmärkte die Zinsanstiege der vergangenen zwei Jahre überraschend gut verkraftet haben. Es gab immer die Hoffnung auf deutliche Zinssenkungen, aber diese wurde enttäuscht. Dennoch steigen die Kurse weiter, in der Erwartung, dass die Zinsen irgendwann gesenkt werden.
Tatsächlich haben wir eine ganz interessante Konstellation in den USA: Auf der einen Seite haben wir höhere Zinsen, die deutlich länger gestiegen sind, als die meisten erwartet hatten. Gleichzeitig haben wir eine amerikanische Regierung, die das konterkariert, indem sie unglaubliche Geldmengen in die Wirtschaft pumpt und damit die Wirtschaft stabilisiert. Die Unternehmen, die Zugang zu diesen Geldern haben, profitieren natürlich enorm. Das sieht man daran, dass die Geschäftszahlen vieler amerikanischer Konzerne trotz der hohen Zinsen exzellent sind. Die Notenbank in den USA steht also voll auf der Bremse und die Regierung voll auf dem Gaspedal. Es kann sein, dass fallende Zinsen irgendwann zum Problem werden, denn sie werden ja dann fallen, wenn die Wirtschaft kippt – und dann könnte es durchaus auch an den Aktienmärkten schwierig werden. Aber momentan sieht es so aus, dass die Unternehmensergebnisse die Kurssteigerungen überwiegend rechtfertigen, in den USA mehr als in Deutschland.
In Deutschland lag die am Verbraucherindex gemessene Inflation im April bei 2,2 Prozent und damit sehr nahe an der Zielmarke der EZB von zwei Prozent. Ist das Problem der Geldentwertung Ihrer Meinung nach gelöst?
Überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Gerade in den USA führt die massive Gelddruckerei zu enormen Zinsaufwendungen für die Regierung. Die Inflation ist nicht im Griff. Man muss immer die Basis betrachten, auf der die Zahlen beruhen. Die Leute merken die Inflation beim Einkaufen, im Restaurant oder bei Reparaturen. Die tatsächliche Inflation hat oft wenig mit dem Verbraucherpreisindex zu tun. Die Geldentwertung wird auf hohem Niveau bleiben und vielleicht sogar wieder ansteigen, auch beeinflusst durch den Ölpreis.
Viele Marktbeobachter wundern sich angesichts der Rasanz des Goldpreis-Anstiegs. Wie erklären Sie sich diese Rally?
Der Goldpreis wird derzeit vor allem durch massive Käufe der Notenbanken getrieben. Wenn internationale Notenbanken sich von ihren Dollars trennen und Gold kaufen, dann ist das meines Erachtens eine deutliche Botschaft. Der massive Anstieg des Goldpreises trotz der hohen Zinsen – normalerweise ist es ja schlecht für Gold, wenn die Zinsen nach oben gehen – ist nichts anderes als ein massiver Vertrauensverlust in die etablierten Währungen. Deswegen sind Sachwerte wie Edelmetalle, die eine 5.000-jährige Erfolgsgeschichte haben, ganz vorne mit dabei.
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