Inflation oder Deflation – was bedroht uns mehr?

Vermögens 1x1

Welches der beiden Szenarien derzeit in Europa eher droht, wird in der Finanzwelt kontrovers diskutiert – auch im obersten Beschlussorgan der Europäischen Zentralbank, dem EZB-Rat. Mario Draghi fürchtet derzeit eher die Deflation und kauft deshalb pro Monat für 60 Milliarden Euro Anleihen.

Staatsfinanzierung ist verboten

Auf der Website der Deutschen Bundesbank wird zur Frage, warum eine Staatsfinanzierung durch Gelddrucken verboten ist, folgender Hinweis veröffentlicht: „Die Bundesbank und die Europäische Zentralbank (EZB) haben den klaren gesetzlichen Auftrag, Geldwertstabilität zu sichern. Würden die Notenbanken Geld drucken, um damit die Haushalte von Krisenstaaten zu finanzieren, könnten sie diesen Auftrag langfristig nicht erfüllen. Denn auf längere Sicht führt eine solche Staatsfinanzierung über die Notenpresse zu einer höheren Inflation – dies lehren die historischen Erfahrungen Deutschlands und vieler anderer Länder.“ Dieses Verbot der direkten Staatsfinanzierung umgeht die EZB, indem sie die Anleihen den Banken abkauft – also indirekt übernimmt. Einen sonderlich guten Eindruck hinterlässt eine solche Vorgehensweise allerdings nicht.

Mario Draghis umstrittener Plan

EZB-Chef Mario Draghi will mit den geplanten quantitativen Lockerungsmaßnahmen im Gesamtvolumen von über 1.100 Milliarden Euro einen Preisverfall auf breiter Front – die Deflation – um jeden Preis verhindern. Am Tag, als der enorme Geldregen angekündigt wurde, äußerte sich Bundesbank-Präsident Jens Weidmann bei einem Vortrag an der Universität Zürich diesbezüglich aber eher kritisch. Die Wahrscheinlichkeit einer Deflation bezeichnete er als gering und sah in den gesunkenen Energiepreisen den Hauptgrund für die niedrigen Inflationsraten. Weil die Verbraucher dadurch mehr Kaufkraft erhalten, würden sich die niedrigen Ölpreise wie ein kleines Konjunkturprogramm auswirken. Er sähe nirgendwo in Europa eine negative Lohn-Preis-Spirale und stufte bei dem beschlossenen Kaufprogramm die Risiken höher als die Chancen ein. In einem Punkt sind sich Mario Draghi und Jens Weidmann allerdings einig: Mit dem neuerlichen Hilfsprogramm kauft die EZB neben Anleihen in erster Linie Zeit, damit die Politik nötige Strukturreformen umsetzen kann. Dies erfordert allerdings ein hohes Maß an Selbstdisziplin, schließlich war das Schuldenmachen noch nie so günstig wie heute. Dass Länder wie Griechenland – die Strukturreformen besonders nötig hätten – lieber fordern als fördern, rechtfertigt mit Blick auf die Herausforderungen der Zukunft nicht gerade ein hohes Maß an Zuversicht. Im Grunde genommen stellt das Kaufprogramm ein großes geldpolitisches Experiment dar. Richtig spannend wird es, wenn man die Geldpolitik wieder normalisieren möchte. In dieser Experimentierphase befindet sich derzeit die US-Notenbank Fed. Demnächst wird sich zeigen, ob Staaten, Unternehmen und Verbraucher höhere Zinsen überhaupt verkraften.

Das Problem der Vermögensinflation

Anleihen, Aktien und Immobilien – steigende Preise sind hier fast schon alltäglich. Der Fachmann spricht in diesem Fall von Vermögensinflation. Als Problem wird ein solches Szenario jedoch eher selten eingestuft. Kein Wunder, schließlich soll sich gefühlter Reichtum – zumindest aus wirtschaftstheoretischer Sicht – positiv auf das Investitionsklima und das Konsumverhalten auswirken. Dr. Thomas Mayer, der ehemaligen Chefvolkswirt der Deutschen Bank und Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute, sieht dies nicht so und stellte in einem Interview klar: „Tatsächlich ist diese Art der Inflation viel gefährlicher. Ein bestes Beispiel für diese Gefahr ist Japan in den 1980er-Jahren.“ Dort gab es eine ausgeprägte Vermögenspreis-Inflation, der Nikkei stand damals bei fast 39.000 Punkten. Als die Blase 1990 platzte, wurde die japanische Wirtschaft in die Rezession gezogen, dann in die Stagnation, von der sich das Land bis heute nicht erholt hat. Für den 61-jährigen Kapitalmarktexperten steht daher fest: „Eine Vermögenspreis-Inflation ist wesentlich gefährlicher als ein Konsumentenpreis-Inflationszyklus.“ Zusammenfassend stellt er deshalb folgende These auf und meint: „Die Geldpolitik hat jetzt schon eine negative Wirkung, diese wird nur von den Statistikern nicht erfasst.“

Rohstoffbaisse bremst Inflation

Fondsmanager Uwe Bergold rät bei der Diskussion um die Preisentwicklung ebenfalls zu einer differenzierten Betrachtungsweise und verweist dabei auf deren klassisch-ökonomische Definition. Diese definiert Inflation und Deflation nämlich über das Geldmengenwachstum pro Produktionseinheit. Nach den diversen Rettungspaketen von Fed, EZB und Co dürfte eines unbestritten sein: Die Menge von Waren und Dienstleistungen konnte in keiner Hinsicht mit der seither explodierten Geldmenge Schritt halten. In den Anlageklassen Aktien, Immobilien und Anleihen gab es in den vergangenen Jahren massive Preissteigerungen zu beobachten. Für Bergold ist daher klar: „Im Warenkorb werden wir dies erst erleben, wenn die vierte Anlageklasse – die Rohstoffe – hiervon betroffen ist. Dann werden wir Inflation richtig sehen, und zwar mit massiv ansteigenden Konsumentenpreisen“, erklärte er gegenüber pro aurum.

Und es wäre nicht das erste Mal, dass einem signifikanten Inflationsschub über die Marke von fünf Prozent eine massive Vermögensinflation vorausgeht. Zwei Beispiele aus der jüngeren Geschichte belegen diese Zusammenhänge besonders eindrucksvoll.

  • Erstens: 1992 meldete das Statistische Bundesamt eine Teuerungsrate von 5,1 Prozent, nachdem die Wiedervereinigung Deutschland einen Immobilienboom und der zweite Golfkrieg (1990/91) einen massiven Anstieg der Energiepreise ausgelöst hatten.
  • Zweitens: Von 1971 bis 1975 schwankte die Inflation zwischen 5,2 und 7,1 Prozent. Damals galten die Ölkrise und die daraus resultierende Verteuerung der Energiepreise als Hauptursache für den mehrjährigen Inflationsschub.

Welche Anlageklasse in den nächsten Jahren das Rennen machen wird, ist naturgemäß völlig offen. Den mit Abstand längsten Performancenachweis werden aber einmal mehr Edelmetalle wie Gold und Silber ausweisen, die seit Jahrtausenden in der Tat manchmal mehr und manchmal weniger stark nachgefragt wurden, aber noch niemals einen Totalverlust erlitten, sondern als bleibende Werte und Vermögensschutz fungierten.


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