Robert Hartmann: Jüngste Korrektur ist kein Anlass für Abgesänge auf Gold

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Für Edelmetallbesitzer begann die aktuelle Woche mit einer bösen Überraschung: In der Nacht von Sonntag auf Montag ab etwa 3 Uhr brach der Goldpreis plötzlich ein, die Kursgrafik rauschte senkrecht in die Tiefe. In der Spitze erreichte der Kursrutsch satte 4,2 Prozent, über 50 US-Dollar büßte das gelbe Metall zwischenzeitlich ein und landete bei einem Tiefstand von 1085 US-Dollar pro Feinunze. Auch der Goldpreis in Euro verbilligte sich kurzzeitig um mehr als 5 Prozent und notierte zeitweilig sogar unter der psychologisch wichtigen 1.000-Euro-Marke. Zwar hatte sich Gold am Montagmorgen erholt und einen Teil der Verluste wettgemacht, doch der charttechnische Schaden ist immens – und der Vertrauensverlust vieler Analysten in das gelbe Metall.

Seit mehreren Tagen ist nun die Suche nach den Gründen für den kleinen Gold-Crash in vollem Gange. Eine bestimmte Erklärung war schnell gefunden: Intervention. Schließlich ist es höchst erstaunlich, dass ein Händler ausgerechnet mitten in der Nacht, wenn die Gold-Welt schläft und die Nachfrage gering ist, große Positionen des Edelmetalls praktisch ohne Limit auf den Markt wirft. Entsprechende Marktaktivitäten gab es in den vergangenen Jahren immer wieder, sodass sich die Manipulationsgerüchte hartnäckig halten. Doch der Goldpreisrutsch vom Montag wurde von einer anderen bösen Überraschung begleitet – die auf den ersten Blick gut für Goldanleger war. So hat die „People’s Bank of China" die offiziellen Zahlen zu ihren Goldbeständen drastisch nach oben korrigiert – von 33,89 Millionen Unzen auf 53,31 Millionen Unzen. Dieser Zuwachs ist jedoch geringer als von Marktbeobachtern erhofft.

Während die Nachrichten aus China tatsächlich eine Besonderheit auf dem Goldmarkt sind, gestaltet sich der Preisrutsch nach einem altbekannten Muster. Marktbeobachter sprechen von einem „flash crash". Der Kurs bricht dabei aus heiterem Himmel so stark ein, dass die Kursgrafik einem Blitz ähnelt. Oft ist für einen solchen Einbruch ein sogenannter „fat finger" verantwortlich – so bezeichnen Experten fehlerhaft ausgeführte Verkaufsorders. Wenn sich Zahlendreher oder fehlende Nullen in einen Verkaufsauftrag eingeschlichen haben, sind in wenigen Augenblicken unvorstellbare Milliardenbeträge vernichtet. Der Preis erholt sich danach aber meist schnell, sobald menschliches Versagen als Grund für einen blitzartigen Wertverfall ausgemacht werden kann.

Doch dies ist nicht immer der Fall. Gerade auf dem Goldmarkt treten blitzartige Wertverluste bevorzugt kurz vor dem Auslaufen von Optionsscheinen auf Gold aus. Und der nächste Verfallstermin für die Goldpreiswetten ist der 28. Juli. Hier profitieren also alle Gold-Pessimisten von einem plötzlichen Goldpreisrutsch. Auch die Geschwindigkeit so mancher Goldpreis-Einbrüche ist leicht zu erklären: Werden gewisse Grenzen unterschritten, greifen sogenannte „Stopp-Loss-Orders“, die automatisch bei Erreichen zu unlimitierten Verkaufsorders werden. Es wird also eine computergestützte Verkaufswelle ausgelöst, gegen die ein Privatanleger mit seinen manuellen Transaktionen keine Chance hat.

Ganz vom Tisch ist der Manipulationsverdacht jedoch auch im Juli 2015 nicht - denn der Preisrutsch ähnelt verblüffend vielen anderen Marktbewegungen, beispielsweise im Mai 2013. Damals kam es unmittelbar nach Mitternacht bis 0.15 Uhr zum Verkauf von über 14 Millionen Silberunzen. Oder im September 2013: Damals brach der Goldpreis überraschend in der Nacht gegen 2 Uhr morgens nach starken Anstiegen plötzlich ein, nachdem eine massive Verkaufsorder platziert wurde. Der damalige Mini-Crash war vor allem deshalb überraschend, weil am gleichen Tag ein Mitbewerber von Janet Yellen um die Fed-Präsidentschaft aus dem Rennen gegangen war. Dies war als Argument für steigende Preise verstanden worden – doch der Goldpreis tat das genaue Gegenteil.

Die chinesischen Gold-Zahlen dürften also nicht der einzige Grund für den Goldpreisrutsch sein. Robert Hartmann, Geschäftsführer von pro aurum, weist auf einige für Goldanleger ungünstige Entwicklungen hin: So haben sich beispielsweise die ETF-Anleger in den letzten Wochen weiter zurückgezogen. An den Futures-Märkten in New York haben die spekulativen Marktteilnehmer inzwischen eine Netto-Short-Position. Dies ist das erste Mal seit Erhebung dieser Daten im Jahr 2006. Allein die physische Nachfrage hat sich nach dem Kursrutsch etwas belebt, doch das Volumen der Jahre 2008 bis 2010 bleibt in weiter Ferne. „Auch im April 2013 und November 2014 war das Volumen nach heftigen Preisrückgängen höher als heute", berichtet Robert Hartmann.

Dass es in den vergangenen Wochen nicht zu Lieferengpässen gekommen ist, sollte aus Sicht von Robert Hartmann allerdings nicht als Zeichen für die mangelnde physische Nachfrage nach Gold verstanden werden. Die Produzenten und die Händler haben nach Einschätzung von Robert Hartmann aus der Vergangenheit gelernt und sich größere Lagerbestände aufgebaut. Daher komme es momentan nicht zu Lieferverzögerungen. Sobald sich die Nachfrage jedoch deutlich ausweite, sei mit Lieferengpässen in den nächsten Wochen zu rechnen. „In den USA kam es wegen der hohen Nachfrage nach 1 Unze Silber Eagles bereits zu einem Lieferstopp der US Mint", erinnert Robert Hartmann und weist darauf hin, dass ab kommender Woche in limitiertem Umfang wieder Aufträge möglich sein sollen.

Der Edelmetallexperte empfiehlt Anlegern in der aktuellen Situation, den Markt genau zu beobachten. Aus seiner Sicht sind dabei mehrere Indikatoren hilfreich. „Die Gold-Silber-Ratio erreichte mit Werten von knapp 77 wieder ein historisch hohes Niveau", erklärt Hartmann. Solange sich hier keine Umkehrformation bildet, sei eine dauerhafte und nachhaltige Bodenbildung der Edelmetallpreise eher unwahrscheinlich. „Ich möchte hier sehen, dass die Unterstützung von 70 fällt. Das würde mich persönlich bullisch stimmen", verrät der Experte. Zudem wäre es ein bullisches Zeichen, wenn die Minenaktien aus dem freien Fall übergehen und die Goldpreisentwicklung outperformen. Bereits jetzt könnten Neueinsteiger auf dem aktuellen Niveau mit ersten Käufen beginnen. Hartmann empfiehlt, weitere Käufe bei 1.050 USD und 1.000 USD vorzunehmen.

In der aktuellen Marktsituation zahlt sich ein Service besonders aus, den pro aurum inzwischen seit Mai 2013 erfolgreich anbietet: Beim Goldsparplan zahlen Sparer einen regelmäßigen Betrag ein und erhalten nach einer gewissen Sparzeit ihre Rücklagen in Gold. Die Einrichtung ist denkbar einfach: Interessenten müssen lediglich ein Sparkonto bei der Volksbank eröffnen, eine Sparrate sowie das Sparziel festlegen – in diesem Fall ist es ein bestimmtes Edelmetallprodukt. Wenn der Gegenwert auf dem Sparkonto erreicht ist, wird automatisch die gewünschte Münze oder der ausgewählte Barren gekauft. Und das Sparen geht von vorne los.

Auf diesem Weg sammeln die Goldsparer nicht nur mit der Zeit einen kleinen Edelmetallschatz an, der auch noch bequem in Hochsicherheitstresoren verwahrt wird – durch die regelmäßigen Käufe wird auch der sogenannte „Cost-Average-Effekt" erzielt – die Kunden kaufen mal günstiger und zu höheren Kursen und erreichen dadurch einen attraktiven Mittelwert. Der Cost-Average-Effekt ist insbesondere bei Fondssparplänen auf Aktienbasis ein bewährtes Hilfsmittel, um Kursschwankungen abzufedern und von starken Preisschwankungen sogar zu profitieren – bei niedrigen Kursen werden automatisch mehr Anteilsscheine gekauft und mit den teureren Anteilen gemischt, sodass ein attraktiver Durchschnittspreis entsteht. Dieser Effekt stellt sich aktuell auch bei den Sparern ein, die auf den Goldsparplan gesetzt haben – sie erhalten regelmäßig „frisches" Gold zum jeweils aktuellen Marktpreis und erreichen dadurch rechnerisch einen soliden Durchschnitt.

In den kommenden Wochen brauchen Goldbesitzer in jedem Fall einen besonders langen Atem. Denn Charttechniker sagen schon seit Monaten einen finalen Sell Off voraus – und sie fühlen sich seit heute bestätigt. Markus Bußler, Edelmetallexperte des Anlegermagazins „Der Aktionär" und bekennender Goldbulle, befürchtet eine Entwicklung, die der Goldpreisentwicklung im April 2013 ähnelt. Damals ging es in nur drei Tagen mehrere hundert Dollar nach unten. Für ihn wäre dann das Kapitulationstief erreicht, der Abverkauf, den jeder sehen will. Und damit könnte der Bogen für eine nachhaltige Entspannung des gesamten Goldmarktes gespannt sein. Bußler wünscht sich ein „bereinigendes Gewitter", welches alle schwachen Hände aus dem Markt herausspült. Die BILD-Zeitung könnte dann auf ihrer Titelseite den Untergang von Gold vermelden – dies wäre dann endgültig das Zeichen für ein Comeback des Goldpreises und einen neuen Bullenmarkt.

Doch die Sicherheit der Gold-Bären ist trügerisch: „Die institutionellen Anleger folgen den erfolgreichen Märkten, also Aktien, Immobilien und Anleihen nach dem Stichwort ‚The trend is your friend'. Das Vertrauen in die Notenbanken ist unerschütterlich", sagt Robert Hartmann. Niemand könne sich derzeit vorstellen, dass die dort ergriffenen Maßnahmen nicht wie versprochen zum Erfolg führen. Doch genau dies sei eine Gefahr, wie Robert Hartmann unterstreicht. Immerhin hätten die Notenbanken weder den Crash an den Technologiebörsen in 1999 noch den Crash am US-Immobilienmarkt verhindern können.

Gold wird nach Einschätzung des Edelmetall-Experten mittelfristig seine Funktion als Inflations- und Krisenschutz wieder voll ausspielen. Denn die Konjunkturdaten weltweit sehen alles andere als gut aus. „Es kommt wohl zu keiner nachhaltigen Zinswende in den USA", erwartet Hartmann. Parallel dazu wachsen die Zentralbankbilanzen sowie die Geldmengenaggregate weiter. „Das bedeutet potenzielle Inflation in der Zukunft."

 Robert Hartmann

Herr Robert Hartmann

Geschäftsführer pro aurum KG


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