René Buchwalder: Gold ist die ultimative Versicherung

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Das Gezerre um eine griechische Staatspleite belastet die Märkte seit Monaten, die Ukraine-Krise flammt immer wieder auf und zuletzt wurden sogar Anleihe-Investoren von Unruhen an den Finanzmärkten erwischt – wie hat sich das Geschäft vor diesem Hintergrund in der Schweizer Filiale von pro aurum entwickelt?

Die große Panik ist trotz der anhaltenden Spannungen zwischen Griechenland und den Geldgebern nicht ausgebrochen. Der Fokus liegt weiterhin auf den Börsen, hier spielt für die meisten Anleger weiterhin die Musik. Bei Gold gibt es dagegen auf den ersten Blick keinen Grund zum Handeln, die Preisentwicklung ist seit Monaten ruhig, es gibt also keinen Anlass für überstürzte Goldkäufe. Der Unterschied in meinen Augen im Vergleich bis etwa 2011 ist dieser: Damals war der Edelmetallmarkt in einem Bullenmarkt, die Kunden haben Edelmetalle gekauft, ohne wirklich auf den Preis zu schauen, da der Preis ja praktisch täglich hochging. Seit 2011 befinden wir uns in einem Bärenmarkt. Da die Preisentwicklung seit 2011 negativ war, sind die Kunden heute viel preissensitiver geworden und kaufen nicht mehr zu jedem Preis, sondern haben gewisse Preislevels im Kopf. Griechenland mag geopolitisch interessant sein, für unsere Kunden hat die Möglichkeit eines „Grexit“ eher geringe Bedeutung. Viele Kunden sorgen sich vielmehr um die zunehmende Staatsverschuldung und die damit verbundenen Risiken.

Was muss passieren, damit der Goldpreis wieder in den Haussemodus schaltet?

Ein konkretes Ereignis kann ich nicht voraussagen, aber es wird einen Auslöser geben – beispielsweise eine Korrektur an den Börsen oder Immobilienmärkten. Ich erwarte beispielsweise Turbulenzen infolge der Zinswende, die Welt wird danach anders aussehen. Wenn die Erkenntnis, dass ihr Erspartes auf dem Konto auch nicht mehr sicher ist und einem realen Wertverlust unterliegt, auch bei breiten Bevölkerungsschichten ankommt und diese ihr Geld abziehen, wird Gold profitieren.

Haben die Turbulenzen beim Goldpreis in den vergangenen Jahren konkrete Auswirkungen auf das Handelsaufkommen in Zürich gehabt?

Vor dem Hintergrund des Überganges von einem Bullenmarkt in den Bärenmarkt mag es umso überraschender sein, dass die Umsätze heute bei uns nicht geringer sind als damals bis 2011. Bis dahin sind die Umsätze von Jahr zu Jahr angestiegen, seitdem halten wir uns auf dem Niveau von 2011. Etwas hat sich aber doch geändert: Durch den doch extremen Preisrückgang bei Silber – im Jahr 2011 lag die Gold-Silber-Ratio bei 35 und heute sind wir bei etwa 74 – hat sich das Verhältnis zwischen beiden Metallen auch in der Kundennachfrage zugunsten von Gold gewandelt. Bis 2011 haben die Kunden etwa zu je 50 Prozent Gold und 50 Prozent Silber gekauft, heute ist das Verhältnis etwa 80 Prozent zu 20 Prozent zugunsten des Goldes. Und noch etwas hat sich geändert: Das „Big Money“ ist aus dem Goldmarkt verschwunden, die Fonds haben ihr Geld abgezogen, die Retailkunden sind jedoch geblieben und eher noch verstärkt aktiv.

Gibt es klassische Argumente für Gold, die Sie bei den Beratungsgesprächen in Zürich immer wieder hören?

Gold ist nicht in dem Sinne eine klassische Anlage, die Dividenden oder Zinsen abwirft. Gold ist die ultimative Versicherung für den Fall, dass es systembedingte Verwerfungen geben könnte. Der Wunsch vieler Kunden heute ist es, dass sie einen gewissen Anteil ihrer Vermögenswerte außerhalb des Bankensystems aufbewahren wollen, und da ist Gold natürlich ein ideales Anlageinstrument. Die Angst vor möglichen Zwangsenteignungen durch den Staat ist bei vielen Kunden schon deutlich hörbar.

Wie wichtig ist eine regionale Diversifizierung des Edelmetall-Investments?

Dies ist eine Frage, die jeder Kunde für sich selber beantworten muss. Er muss individuell prüfen, ob er sich in dem System, in dem er lebt, sicher fühlt. Wenn er sich wohlfühlt und überzeugt ist, dass die EU auch noch in 20 oder 30 Jahren die gleichen Rahmenbedingungen bietet wie heute, dann braucht er keine geopolitische Diversifizierung. Wenn er sich nicht sicher ist, dann gibt es Möglichkeiten, seine Edelmetalle auch in anderen Regionen außerhalb der EU zu handeln und zu lagern, zum Beispiel in der Schweiz, aber auch in Singapur, Hongkong, Dubai oder Australien. Dies ist eine Überzeugungssache, die aber wirklich jeder für sich selber entscheiden muss.

Das Finanzjahr 2015 begann mit einem Paukenschlag – gemeint ist die Aufhebung des Mindestkurses für das Währungspaar Euro-Franken durch die Schweizer Nationalbank. Welche langfristigen Auswirkungen hat diese Entscheidung aus Ihrer Sicht auf das Vertrauen der Märkte?

Als ich vor acht Jahren hier anfing, lag das Euro-Franken-Verhältnis bei 1,50, schon bei 1,40 hat die SNB damals interveniert, dann kam die Untergrenze bei 1,20 und nun sind wir bei 1,05 und die Schweiz steht noch immer. Ich glaube, es kommt hier nicht so sehr auf die Schweiz an, wie sich die Märkte zukünftig entwickeln. Es gibt ein Sprichwort hier in der Schweiz: „Die Schweiz ist meine Heimat, aber die Heimat der Schweiz ist Europa.“ Es kommt vielmehr darauf an, wie sich die EU weiterentwickelt und wie sie ihre jetzigen Probleme in den Griff bekommt.

Bis heute gilt die Schweiz in der Finanzwelt als der sichere Hafen schlechthin und nimmt auf dem europäischen Kontinent, umgeben von Eurostaaten, eine Sonderrolle ein. Wie sicher schätzen Sie ganz persönlich den Finanzstandort Schweiz im Jahr 2015 ein?

Ich selber bin ein bisschen überrascht, dass das Image der Schweiz durch die vielen Turbulenzen, durch die der Finanzplatz Schweiz in den letzten Jahren hindurchgegangen ist, nicht mehr Schaden genommen hat. Es scheint so, dass die Schweiz von ausländischen Kunden immer noch als der sichere Hafen schlechthin angesehen wird, und dementsprechend auch weiterhin Vertrauen in die Schweiz besteht – wobei die Konkurrenz in dieser Beziehung doch auch stärker geworden ist, wenn ich da an Singapur, Dubai oder auch Hongkong denke, die in Bezug auf Neukundengelder stark im Kommen sind.

Das Zollfreilager wird in der Presse häufig als Möglichkeit zur Steuervermeidung umgedeutet – gegen dieses Image kämpfen Sie energisch an. Was spricht aus Ihrer Sicht für eine Lagerung im Zollfreilager und an wen richtet sich diese Dienstleistung von pro aurum?

Es ist für unsere Kunden vor allem eine Möglichkeit, geopolitisch diversifiziert in der Schweiz als sicherem Hafen Werte zu kaufen, zu verkaufen und zu lagern. Wenn ich die Kundenbestände in unserem Zollfreilager anschaue und sehe, dass wertmäßig die Goldbestände höher sind als im Silber, Platin und Palladium, dann kann man schon sagen, dass es hier nicht nur um die Einsparung der Mehrwertsteuer bei den weißen Metallen geht, sondern vor allem auch um eine geopolitisch diversifizierte Lagerung.

Es gibt aber tatsächlich viele Irrtümer rund um das Zollfreilager. Beispielsweise lesen wir immer wieder, dass so wirklich niemand weiß, was sich in einem solchen Lager befindet. Tatsächlich sind wir per Schweizer Zollgesetz verpflichtet, eine exakte Bestandsführung der gelagerten Metalle zu führen, und wissen deshalb jederzeit, welche Werte bei uns gelagert werden.

Manchmal kommt es mir vor, als wäre das Zollfreilager ein unbekanntes Wesen und viele Kommentare und Artikel werden geschrieben, ohne das Zollfreilager richtig zu kennen. Dabei gibt es das Zollfreilager in der Schweiz schon seit über 50 Jahren. Edelmetalle, die aus dem Ausland unverzollt per Geleitschein in das Zollfreilager eingeliefert werden, können dort unverzollt auf unbestimmte Zeit gelagert werden. Daher fällt keine Mehrwertsteuer an. Im Falle einer physischen Auslieferung aus dem Zollfreilager müssen die Metalle verzollt werden und die Mehrwertsteuer fällt an. Dies ist ein sauberer Vorgang, der seit Jahrzehnten Bestand hat – und offenbar von offizieller Seite in Europa gar nicht so kritisch gesehen wird, denn immerhin wurde kürzlich in Luxemburg das modernste Zollfreilager mitten in der EU eröffnet worden – mit den gleichen Bedingungen wie in der Schweiz.

 René Buchwalder

Herr René Buchwalder

Geschäftsführer pro aurum Schweiz AG


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